Das Michaeli Fest

Zwischen Smartphone, Tablet und Ipad schauen wir von dem Inneren aus zu den Sternen

Die technische Zivilisation ist dadurch möglich geworden, dass sich die Menschheit zu den abstrakten, objektiven Denkgewohnheiten heraufgearbeitet hat. Beweiskraft besitzen dabei nur die Begriffe, die durch Beobachtung und Experiment an den Naturtatsachen erhärtet sind.
Seelisch morali1che Offenbarungen werden durch diese Begriffe nicht erweckt. Im Gegenteil – ein Leben, das keine anderen Begriffe kennt, tötet die Seele des Menschen. Die Zivilisation hat die Menschheit äußerlich zusammengeschlossen – das Menschliche aber bedarf der geistigen Quellen, um dieser Entwicklung die innere Erfüllung zu geben.
Zu diesen Quellen gehören die Jahresfeste, die wir mit den Kindern feiern. Dazu gehört Michaeli – St. Michael – Fest.

St. Michaeli
Michaeli (29. September), gehört mit St. Martin und St. Nikolaus zu den drei Festen, die bildhaft dazu beitragen die Kinder auf das Weihnachtsfest vorzubereiten.
Der Erzengel Michael, der den Drachen besiegte, ist mit dieser Tat ein Bild dafür, dass das Bewusstsein wach sein muss. Damit Böses durchschaut und bekämpft werden kann. Seit dem Mittelalter, als sich die Ritterschaft für die Ausbreitung des Christentums stark machte, ist die Legende des St. Georg bekannt. Der furchtlose, der in den Kampf gegen den Drachen zog. Er besiegt das Untier mit seiner Lanze und erlöst die Königstochter, die geopfert werden sollte. Die Tat des Ritters auf Erden entspricht der Tat des Erzengels im Himmel (siehe Johannes Offenbarung, Michaels Kampf gegen den Drachen). Dieses Geschehen kann als Bild gelten für den SEELENMUT der nötig ist, um Niedertracht, Feigheit, Egoismus und Unwahrheit zu überwinden.
Die Kinder leben und verstehen das Michaeligeschehen nicht über Worte und Erklärungen, sondern über die Stimmung die wir über symbolische Elemente und unser praktisches Tun im Raum und in der Gruppe aufbauen:
• Die Farbe ROT in der Gruppenraumgestaltung symbolisiert den MUT
• Mit Knete gestalten wir den eigenen Drachen
• Im Reigen befreien die Kinder das schöne Königskind
• Die Abschlussgeschichte ist in dieser Zeit das Märchen „Die Königstochter von der Flamenburg“, die von siegreichem Drachenkampf und Befreiung der Königstochter handelt
• Wir sammeln die Erntegaben der Natur. Sie sind uns in der kalten Jahreszeit eine Freude (Kastanien Eicheln, Bucheckern, Hagebuttensträuße usw.). Sowie Gemüse und Obst aus dem Garten. Sie stärken und nähren uns (Blumenkohl, Gurken, Möhren, Kartoffeln, oder ähnliches)

Kleines Michaelispiel

St. Michael:
„In einen Turm fest eingesperrt
Sitzt eine Königstochter wert.
Sankt Georg du sollst sie erlösen
Von dem Drachenwurm dem bösen.“

St. Georg:
„ Sankt Michael gib mir die Kraft und Mut,
dass ich den Drachen besiege gut.“

St.Michael:
„Das goldene Schwert sollst du haben,
siegen wirst du mit meinen Gaben.“

Ein Reiter hört das Königskind rufen.
Es eilen die Pferde, sie tragen ihn leicht.
Bis er den dunklen Turm erreicht.

St.Georg:
„Mit goldener Wehr besieg ich den Drachen,
Du darfst des Königs Kind nicht bewachen!“

Mit goldener Wehr ist der Drache besiegt,
Still er zu Füßen St.Georgs nun liegt.
Von der Mauer fällt Stein um Stein,
St. Georg tritt zum Königskind ein.

St. Georg:
„Du Sternenkind, steig auf mein Roß,
Wir reiten in mein goldenes Schloß!“

St. Georg und Königstochter:
„St.Michael wir danken dir
Dass du halfst besiegen das Drachentier.
Das goldene Schwert und den Helm hier zurück,
Wir danken dir für unser Glück!“

Autor nicht bekannt

Märchenspiele, die sich für Kinder eignen sollen, gebrauchen gern die schlichte, aber edle Sprache der meisten Grimmsehen Märchen. Ihr Stil trägt alle Möglichkeiten in sich; in einfachen, großen, klaren Bildern. Die tiefen Geheimnisse von Welt und Leben auszusprechen und wesentliche Wandlungen der Menschheitsgeschichte darzustellen. Etwas von der Erhabenheit der alten Mythen und Mysterienweisheit klingt darin nach.
In solchen Beobachtungen und Bemühungen sieht Rudolf Steiner die Mission einer zeitgemäßen Erziehung. Er sagt: „Michael braucht Gewiesenmaßen einen Wagen, durch den er in unsere Zivilisation hereinkommt. Und dieser Wagen ist dasjenige, was sich dem wirklichen Erzieher enthüllt, wenn er aus dem jugendlichen, werdenden Menschen hervortritt. Erziehen wir in der richtigen Weise, so bereiten wir Michael das Fahrzeug, damit er hereinkommen kann in unsere Zivilisation. Wir müssen Michael den Wagen, das Fahrzeug bauen. Dazu brauchen wir lebendige Menschlichkeit, wie sie aus übersinnlichen Welten in das irdische Menschenleben sich hinein lebt und sich manifestiert. Gerade in den ersten Zeiten des Menschenlebens.“
Rudolf Steiner: Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben von alter und junger Generation.
Pädagogischer Jugendkurs. Dreizehn Vortröge in Stuttgart vom 3. bis 15. Oktober 1922.

Aleksandra Muszer

Wie feiern wir im Waldorfkindergarten Leonberg das Michaeli-Fest?

Michaelifest: Kleine Handlinie im Waldorfkindergarten Leonberg

Der Jahreszeitentisch
• rotes Tuch (Süd ist dem Erzengel Michael zugeordnet; Element Feuer; Ich-Kräfte ansprechen – rotes Blut ist Träger des Ichs)
• Michaelsbild
• Weinranken
• große rote Kerze
• ein Pyrit (enthält Eisen; wie es sich auch im Blut bindet)
• eine Waage
• ein orangefarbener Kürbis
• Spielgewänder und „goldenes Schwert“

Schmücken im Raum
„Banner mit St.Michael“
• Kastanien, Weinranken
• rote Tischdeckchen
• „Herbst-Erntegaben“ sichtbar

Einstimmung des Erwachsenen
• lesen des Erzengel-Imagination von R.Steiner
• Legenden zu St. Michael
• Texte aus GA`s von R.Steiner passend vertiefen
• Perikopen lesen
• St.Michaelsbilder betrachten

Vorbereitung während des Freispiels
Gemüsesuppe kochen
• Michaeliwecken backen
• Äpfel polieren (schön im Korb einordnen)
• rote Kerzen für jedes Kind

Tischschmuck
• rote Tischdeckchen
• Kerzen
• Edelsteine
• Weinranken

Mutproben
„Erde“: Durch einen Tunnel gehen – vom Dunkeln ins Licht, tief inkarnieren, verwurzeln.
• „Wasser“: Eine Brücke überqueren. Dabei Gleichgewichtsinn und „Waage halten“.
• „Luft“: Über ein Seil springen. Auf eine Leiter klettern – Freude erleben, Kupfer-Schwert heben, Edelmut und Ritterlichkeit absprechen. Ich – Kräfte ins Aufrechte „ausrichten“ bringen.
• „Feuer“: Kerzen anzünden. Mit Mut und Urvertrauen alle Proben bestehen. Innere Führung und mit der geistigen Ebene verbinden.
• Scharfe Speisen kosten („Kind als Sinnesorgan“)

Geschichte im Abschlusskreis
„Die Prinzessin von der Flamenburg“

Menschenkundliche Überlegungen
• Für den physischen Leib: Feierliches Festessen kochen, backen; Duft; Sehen; Handlungen zum Fest: feierliche Kleidung.
• Für den Ätherleib: Blumen, Gedankenarbeit des Erwachsenen, Erinnerung, wiederholend die Geschichte erzählen.
• Für den Astralleib: Feierliche Stimmung, Freude, Märchenbilder, Sprache, Michaelispiel

Vorbereiten auf das Fest
25 rote Kerzen besorgen
• 25 rote Äpfel besorgen
• rote Tischdecken
• Weinlaub als Tischschmuck
• Marzipanmasse bestellen
• rote, kleine Kästlein falten
• St. Michael – Karten (schönen Spruch darauf schreiben)
• am Festtag bringen Kinder ein Körbchen mit Gemüse für die Suppe mit
• Eltern backen uns „ein Festgebäck“
• kleine Drachen aus Transparentpapier basteln (im Laufe der Michaelizeit)
• am Festtag werden die Kinder, wenn möglich, um 12:30 Uhr in festlichem Rahmen abgeholt. *Eventuell werden auch Michaelilieder den Eltern mitgegeben.

Aleksandra Muszer

Poetisches für die Herbsttage

Michaelslied

Das Herz wird wach, der Tag wird hell,
wir grüssen dich Sank Michael!
Dein Zeichen ist der Sieg!

Am neuen Tag gibt neue Kraft,
die Gutes in die Erde schafft,
und allem Bösen Krieg!

Du Gotteskämpfer, stark und schnell,
du Schwertesengel Michael!
Gibt uns den Sieg!
Heinz Ritter (1902 – 1994)


Stilles Reifen

Alles fügt sich und erfüllt sich,
musst es nur erwarten können
und dem Werden deines Glücks
Jahr und Felder reichlich gönnen.

Bis du eines Tages jenen
reifen Duft der Körner spürest
und dich aufmachst und die Ernte
in die tiefen Speicher führest.
Christian Morgenstern (1871 – 1914)


Wenn ein Geschwisterchen kommt

Geht leise –
Es ist müd von der Reise!
Es kommt von weit her:
Vom Himmel übers Meer,
vom Meer den dunklen Weg ins Land,
bis es die kleine Wiege fand. –
Geht leise!
Paula Dehmel (1862 – 1918)


Das Korn

Der Landmann baut mit Müh und Not
das Korn für unser täglich Brot.
Zum Müller wird das Korn gebracht
und weißes Mehl daraus gemacht.
Der Bäcker nimmt das Mehl ins Haus
und bäckt im Ofen Brot daraus.
Die Mutter streicht noch Butter drauf,
und wir, wir essen alles auf.
Johannes Trojan (1837 – 1915)


Nebel

Nebel, Nebel,
schwingt dich auf den Gebel,
schwingt dich auf zur Himmelstür,
lass die liebe Sonn’ herführ.
Volksgut


Ein Apfelbaum

Ein Apfelbaum muss Äpfel tragen,
zentnerschwer.
Aber im Herbst darf er sagen:
Jetzt ist’s genug, jetzt mag ich nicht mehr.
Abgenommen wird ihm die Last,
ein halbes Jahr hat er Ruh und Rast.
Mutter hat’s kaum
jemand so gut, wie der Apfelbaum.
Hans Baumann (1914 – 1988)

Im Jahresgarten

Löwenzahn

Lichtlein auf der Wiese blas‘ ich alle aus,
und es fliegen Sternchen in die Welt hinaus,
schweben in der Sonne, schweben auf und nieder.
Nächstes Jahr zur Frühlingszeit, gibt es neue Lichtlein wieder.
Elise Vogel (1883-1952)
Aus dem „Kalendarium für Landleut“


Gänseblümchen

Gänseblümchen in dem Garten
können kaum die Zeit erwarten,
bis der Winter ist vorbei
und vom Schnee der Rasen frei.

Strecken ihre roten Näschen
halb erfroren durch die Gräschen.
Liebe Blümchen, lasst euch sagen:
nachts tut um die Spitzenkragen!
Autor unbekannt

Unsere Kinder lieben das Gänseblümlein sehr und flechten daraus schöne Kränze, und schmücken gerne mit ihnen ihre Köpchen. Außerdem, dem Vorksmund nach: Bei Kindern stoppt das Gänseblümchen als Wiesenpflaster alle Tränen.


Veilchen

Das Eis zergeht, der Schnee zerrinnt,
dann grünt es über ein Weilchen;
und leise singt der laue Wind:
Wacht auf, wacht auf, ihr Veilchen!
Emanuel Geibel (1815-1884)
Digitale Sammlung Ernst Giger

Zum Tanze

Kettenspiel für die Kinder

„Dreimal um das Gässchen, ich weiß nicht wer da floh.
Das war ein schönes Mädchen, und es sprach so:
Komm du liebes Kindelein, fass mich doch am Schleier.
Und wenn der Schleier reisen soll, da falln wir alle um.“

Spielweise:
Ein Kind geht von außen um den Kreis und ruft ein anderes Kind. Das Kind hängt sich am Kleidersaum des Führkindes an und sie wandern um den Kreis herum.
In dieser Weise wird weiter gespielt, bis der Kreis aufgelöst ist und der Schleier fertig ist.
Zum Schluss fallen alle um!

Volksgut aus „Schöne alte Singspiele“ Reprint von 1922, Gondrom Verlag


Kniereitervers

Troß, troß trill!
Der Bauer hat ein Füllen.
Das Füllen will nicht laufen,
der Bauer will’s verkaufen.
Das Füllen läuft im Trab
und wirft den Reiter ab“

Achim von Arnim und Clemens Brentano (1781 – 1831) „Des Knaben Wunderhorn“
https://www.volksliederarchiv.de

Pädagogisch Wertvolles für die Erziehungspraxis

Weben

Wussten Sie schon, dass die Hände bildend auf das Denken wirken? Dass die Fingerfertigkeit und elastisches Denken zusammen hängen?
Wir kennen heute noch die Redensart „du spinnst ja“. Zu jemanden, der phantasiereich erzählt und spricht. Wenn der Redefluss stockt, sagt man auch: „ ich habe den Faden verloren“. Der „Rote Faden“ zeigt wiederum von folgerichtigem Zusammenhang.

Bei uns weben die Kinder. Der Webrahmen wird bespannt; es wird „eine Farbe gewebt“, „ein Faden gezogen“. Die Farben suchen sich die Kinder selbst aus. Sie lernen, die Wolle in das Webschifflein einzufädeln und arbeiten nach kurzer Zeit selbständig. Wir legen Wert darauf, dass die Kinder einander helfen, wenn es Probleme gibt.

Das rhythmische Zusammenspiel von Augen und Händen bei der Arbeit, wirkt beim Weben beruhigend und harmonisierend. Die motorischen Fähigkeiten und das Selbstwertgefühl werden gefördert.
Die Entwicklung des Denkens beim Kind, wird unterstützt und es wächst aus der handgreiflichen Tätigkeit. Ein handelndes Hineinarbeiten in die Zusammenhänge und Eigenschaften der dinglichen Welt ist Grundlage dieser Welterfahrung. Weben als Urform des Handwerkens vermitteln diesbezüglich Basiserlebnisse von Verknüpfung, Verwobenheit, Vernetzung, Verflechtung…So ist die Welt.

Gerade durch das Weben (und auch Kordeln) gewinnt das Kind das notwendige Fingerspitzengefühl. Das Erleben, dass die eine Hand der anderen feinfühlend zuarbeiten muss, damit das Fadenwerk gelingt.
Also ist das Weben nicht nur eine heilsame Beschäftigung, sondern es ist für das lebendige, bewegliche Denken wichtig. Damit die Kinder später „den roten Faden nicht verlieren“.

A.Muszer


Tischsprüche

Erde, die uns dies gebracht,
Sonne die es reif gemacht:
Liebe Sonne, liebe Erde,
Euer nie vergessen werde.
Christian Morgenstern (1871 – 1914)

 

Das Brot ernährt dich nicht:
Was dich im Brote speist,
Ist Gottes ew’ges Wort,
Ist Leben und ist Geist.
Angelus Silesius (1624 – 1677)

 

Bei jedem Bissen Brot
denk an der Sonne Rot
die Korn auf Körner hat erwärmt
und wachsen ließ aus Liebe.
Bei jedem Bissen Brot
denk an des Bruders Not,
der einsam sich am Hunger härmt
O du, den Gottes Segen wärmt –
geh, gib ihm – Brot und Liebe!
Herbert Hahn (1890 – 1970) Waldorflehrer

Pfingsten

Pfingstfest im Kindergarten

Wo Sinneswissen endet / Da stehet erst die Pforte,
Die Lebenswirklichkeiten / Dem Seelensein eröffnet;
Den Schlüssel schafft die Seele / Wenn sie in sich erstärket
Im Kampf, den Weltenmächte / Auf ihrem eignen Grunde
Mit Menschenkräften führen; / Wenn sie durch sich vertreibt
Den Schlaf, der Wissenskräfte / An ihrem Sinnesgrenzen mit Geistesnacht umhüllet.

Pfingstspruch von Rudolf Steiner


Frohe Botschaft

Lass nur zu deines Herzens Toren
Der Pfingsten vollen Segen ein.

Getrost, und du wirst neugeboren.
Aus Geist und Feuerflammen sein.“

Emanuel Geibel (1815-1884)

 

Eine Rosengeschichte

Als Gottvater mit Hilfe der Pflanzergeister die Pflanzen geschaffen hatte, kam in einer Nacht ein böser Engel zur Erde, um alles zu sehen, was auf der Erde entstanden war. Er kam dann zu einer Rose, die einen wunderschönen Duft um sich verbreitete.

„Ach, was für ein schrecklicher Duft“, dachte er, und er sprach zu der Rose: „Öffne dich und schaue mich an! Ich will Dir einen anderen, viel besseren Duft geben, wenn Du mich anschaust und hörst“.

Die Rose aber hielt die inneren Blätter ganz fest zusammen und öffnete sich nicht. Da nahm der böse Engel das Röslein mit seinen Krallen und versuchte es abzubrechen. Die Rose aber stand ganz fest und lies sich nicht zerbrechen. Der böse Engel musste zurück zur unteren Welt fliegen.

Am nächsten Morgen, als Gottvater die Wunden an dem Stengel der Rose sah, hieß er die Pflanzengeister sie heilen. Über jede Wunde wuchs ein Dorn heraus. Seit der Zeit hat die Rose ein Dorn als ein Zeichen, dass sie standhalten konnte. Wenn jemand sich an den Dornen weh tut, dann schmerzt es auch die Rose.

Von Lena Forsberg aus „Elternbrief“ 10/1990

Buchtipp

„Die Pflanzenmutter“ von Jakob Streich (23.09.1910 – 15.05.2009) Novalisverlag

Unsere Vorschulkinder bekommen dieses Buch jedes Jahr zu der „Blumenzeit“ vorgelesen.

Der einfühlsame Text erzählt, wie die Pflanzenmutter aus den Erdentiefen hoch steigt und all die Wesen weckt, die den Pflanzen die Lebenskräfte einhauchen. Die Geschichten wecken in den Kindern Liebe zur der Natur und erschließen ihnen den Zugang zu dem artistischen Denken.

Es regnet

Es regnet, Gott segnet

Regen, Regen Himmelssegen!
Bring uns Kühle, lösch den Staub
und erquicke Halm und Laub!
Labe meine Blümelein,
dass sie blühn im Sonnenschein!
Nimm dich auch des Bächlein an,
dass es wieder fließen kann!

Hoffmann von Fallersleben ( 2. April 1798 – 19. Januar 1874)

Ein Spiel – Wo die Blüten fröhlich tanzen

Viele Bäume stehen im Kreise.
Der Wind bewegt sie leise, ganz leise.
Dann kommt der Wind daher geflogen,
der hat die Bäume ganz sacht gebogen.
Sturmwind knickt auch die Bäume um,
die Blüten tanzen im Kreis herum…
Und ist der Sturmwind wieder fort,
stehen die Bäume am selben Ort!

Mit nachahmenden Bewegungen; sehr gut geeignet als „Willensübung“.
Wo die Blüten fröhlich tanzen, keiner darf den anderen anstoßen. Und dann plötzliches Stillstehen und Schweigen. Schön bei den Gartenfesten durchzuführen.

Pädagogisch Wertvolles um das Johannifest

Johanniskäferchen

Es fliegt ein feurigs Männlein rum
zwischen Hag und Hecken,
hat ein goldigs Laternle um,
kann sich nicht verstecken.
Feurigs Männlein auf dem Hag,
gib mir deine Laterne ab!
Volksgut

Unser Johannifest feiern wir jedes Jahr um dem 24 Juni am Vormittag mit den Kindern.
Rosengirlanden schmücken den Gruppenraum. Sie tragen zur sommerlichen Johanniatmosphäre bei. Es ist, als ob wir im Dornröschenschloss uns aufhalten dürfen.

Der 24. Juni wird in manchen Gegenden der christlichen Welt noch als Geburtstag des Täufers Johannes gefeiert; die Menschen richten ihren Blick auf die Sonne und das Licht, aber er muss tiefer gehen und dahinter den hohen Sonnengeist des Christus suchen.

Die Kinder leben in dem Rhythmus. Die Pflege von dem Jahresrhythmus beinhaltet bei uns die Jahresfeste. Und so nähern wir uns wieder dem Johannifest. Im Sommer ist die Erde hingegeben an Wärme und Licht. Der Mensch möchte mit ihnen in die Weite des Raumes hinauswachsen, ausbrechen.

Und wie tun wir es in unserem Kindergarten?
Wir singen; da wird die Seele frei.
Wir tanzen; da wird das Herz leicht und ungestüm.

„Kennt ihr nicht den Sieben-, den Sieben-, den Sieben-,
kennt ihr nicht den Sieben-, den Siebensprung?
Wer sagt, dass ich nicht tanzen kann?
Kann tanzen wie ein Edelmann.
Das ist eins.
Das ist zwei.
Das ist drei.
Das ist vier.
Das ist fünf.
Das ist sechs.
Das ist sieben.“

Unter vielen Tänzen ist dieses unser Lieblingstanz!

Wenn wir zur Sommerzeit wandern und spazieren gehen: dann singen wir auch. Unsere Johannilieder zünden die sommerliche Lebensfreude mit an. Der Johannigesang steigt bis zum Himmel empor. Dieses geht dann auf die Eltern beim Sommerfest nieder. Es brennt nämlich das Feuer! Die ganze Gemeinschaft ist dabei.

Am Johannitag machen wir einen fröhlichen Umzug mit den Kindern durch den Garten. Die Kinder tragen blumengeschmückte Stäbe, an der kleinen Feuerstelle halten wir inne, und singen.

„Lasst uns singen, lasst uns singen.
Sankt Johann Sankt Johann
von der Sonne, von der Sommersonne.

Lasst uns singen, lasst uns singen.
Sankt Johann Sankt Johann
von dem Feuer, von dem Sommerfeuer.

Lasst uns singen, lasst uns singen.
Sankt Johann Sankt Johann
von den Kindern, von den Sommerkindern.

Lasst uns singen, lasst uns singen.
Sankt Johann Sankt Johann
von der Rose, von der Sommerrose.“
Volksweise

Als Morgengruß gibt es am Johannitag eine kleine Tafel mit den Blaubeeren, und den Johannisbeeren, die sich die Kinder gut schmecken lassen.

Aleksandra Muszer

Pädagogisch Wertvolles – Verabschiedung unserer Rosenkinder

Unsere Vorschulkinder, die wir „Rosenkinder“ nennen, verabschieden wir jedes Jahr. Die Reise für unsere „Großen“ geht weiter.

Wie haben sie das ganze Jahr geleuchtet! Sie waren ein bewundertes Vorbild, uns Erziehern waren sie an vielen Stellen eine verlässliche Hilfe. Viele Fähigkeiten haben sie sich in ihrer Kindergartenzeit angeeignet und schauen jetzt selbstbewusst und freudig und gespannt auf ihre Schulzeit.
Denn: Es wartet nach dem Sommer die Schule. Eine Zeit sind wir uns begegnet. Und ich hoffe jedes Jahr gleich stark, dass die Kindergartenzeit lichte verankert bleibt  – wie ein kleiner Stern – auf der langen Zeitlinie des Lebens von unseren lieben „Absolventen“.

Bevor die Rosenkinder der Schule anvertraut werden, widmen wir ihnen eine innige Abschlussfeier.
Jedes Jahr, im Juli, ist es in unserem Waldorfkindergarten soweit: um 12:00 Uhr sind alle da.
Die Musik erklingt, es folgen die Begrüßungsworte. Die ganze Kindergartengemeinschaft hält den Atem an! Der Moment des Abschieds ist gekommen. Ich erzähle den Kindern das Märchen „Die vier kunstreichen Brüder“ die in die weite Welt gingen, um ein Handwerk zu lernen. Nach den vielen Lernjahren kehren sie zurück, und befreien die Königstochter. Wobei jeder von ihnen seine Fähigkeiten einsetzen muss.

Nach der Erzählung werden an die Kinder die Kronen verteilt. Auch bei uns haben sie „ausgelernt“. Mit den kleinen Geschenken, den Engelsbildern, empfangen die „Rosenkinder“ die kleinen symbolischen Gaben. Sie würdigen den Kindergartenweg.
Es folgt gemütliches Beisammensein. Jede Familie bringt eine Kleinigkeit mit (Kuchen, belegte Brote, Obst, Salat). So entsteht eine gemeinsame, schöne Tafel! Und so können wir gemütlich beisammen sein; uns verabschieden und nachsinnen.
Natürlich sind die Eltern dabei: Sie sorgen für die feierliche Stimmung. Es ist ein bewegendes Erlebnis für die ganze Gemeinschaft. Die Vorschulkinder verlassen nämlich nicht nur den Kindergarten, sie verlassen auch die Zeit der unbeschwerten Kindheit.
Auf den Rosen gebettet. Die Vorschulkinder bekommen (unter anderen) einen großen „Bund“ der aus Krepppapier gemachten Rosen.

Inmitten eines Gartens wuchs ein Rosenstrauch,
der war ganz voller Rosen,
und in einer davon, der schönsten von allen,
wohnte ein Elf; er war so winzig klein,
dass kein menschliches Auge ihn sehen konnte,
hinter jedem Blatt in der Rose
hatte er so wohlgestalt und hübsch,
wie ein Kind nur sein konnte,
und hatte Flügel an den Schultern,
hinab bis zu den Füßen.
Oh, es war ein Duft in seinen Zimmern,
und wie hell und schön waren die Wände!
Sie waren ja die feinen hellrosa Rosenblätter.
Hans Christian Andersen (1805 – 1875)

Aleksa Muszer

Poetisches für den pädagogischen Jahresabschluss

Die 12 Monate

Es war einmal eine Mutter mit vielen Kindern. Die Mutter war arm. Die Kinder waren arm.
Eines Tages ging die Mutter in den Wald um Holz zu suchen. Auf dem Weg begegneten ihr 12 Jünglinge. Das waren die 12 Monate.
Die 12 Monate grüßten die Mutter. Sie fragten: „Welcher von den 12 Monaten ist der schönste?“ Die Mutter dachte eine Weile nach. Dann sagt sie: „Jeder Monat ist schön!
Im Januar liegt der weiße Schnee.
Im Februar kommt der lustige Fasching.
Im März sprießen die ersten Veilchen.
Im April blüht der Apfelbaum.
Im Mai duftet der Flieder.
Im Juni geht’s ins Heu.
Im Juli werden die Kirschen rot.
Im August wird der Weizen gelb.
Im September reifen die Äpfel am Baum.
Oktober macht die Trauben süß.
November webt alles in weißen Nebel ein.
Dezember bringt das liebe Weihnachtsfest.
Alle Monate sind schön!“
Als die 12 Monate das hörten, freuten sie sich. Sie sagten zur Mutter: „Gib uns dein Kopftuch!“ Die 12 Monate füllten das Kopftuch und gaben es der Mutter zurück. Die Mutter bedankte sich und ging nach Hause. Zu Hause machte sie das Kopftuch auf. Sie schüttete das Geschenk der 12 Monate auf den Tisch: Viele, viele Goldstücke waren das. Nun hatte alle Not ein Ende.

Ein griechisches Märchen

Wie wird man Waldorferzieher? Innere Einstimmung

Wie wird man Waldorferzieher? Ist das nicht schwer? Wird in einem freien Kindergarten nicht zu viel von dem Erzieher verlangt? Putzen müsst ihr auch?! Und das ganze Basteln, gehört das dazu? Sieben bis acht Elternabende im Jahr?! Wie ist das zu schaffen?
Und bei manchem schwingt noch die Frage mit: Zu was muss ich mich verpflichten? Ist die Bindung an spezifische philosophisch – anthropologische und pädagogische Auffassungen nötig? Ist das in dieser Zeit überhaupt noch modern?! O je! Es klingt wahrlich nach einer Strapaze.

Ich würde meinen:
Das Sich- Verbinden mit dem Waldorfkindergarten ist eindeutig eine Lebensentscheidung. Die Erzieher, die diesen Schritt gingen und in den Waldorfkindergarten eintraten, sind auch geblieben. Die Ausnahmen sind selten.
Die Wege dieser Lebensentscheidung wurden auf zwei verschiedenen Wegen gegangen. So meine Beobachtung.

Der eine Weg: es war die Kunst. Die künstlerischen Kurse und Seminare (Sprachgestaltung, Eurythmie, Malen) gaben dazu nötige Antworten. Weckten auf. Die Schönheit der Waldorfpädagogik fand das Herz und ging durch das Tun in einem durch.

Der zweite Weg: es war der Weg des Bewusstseins, des Wissens. Also die Ausbildung. Der Kopf und das Erkennen spielten hier eine entscheidende Rolle.

Es ist ungeheuer wichtig, sorgfältig zu prüfen, ob man in den pädagogischen und sozialen Zielsetzungen des Waldorfskindergartens etwas berechtigtes sieht. Ob man zum Menschenbild der Anthroposophie ein bejahendes, wenn auch ganz freies Verhältnis finden kann. Denn ohne dies könnten Enttäuschungen eintreten: auf Seiten des neuen Erziehers, der in seinem Kollegium nicht heimisch wird, weil er sich falsche Vorstellungen von der Wirklichkeit einer solchen Gemeinschaft gemacht hat.

Die Worte Rudolf Steiners aus der „Philosophie der Freiheit“ wurden mir durch den Gesamtverlauf des pädagogischen Wirkens immer gewichtiger: „Was der freie Geist nötig hat, um seine Ideen zu verwirklichen, um sich durchzusetzen, ist die moralische Phantasie. Sie ist die Quelle für das Handeln des Freien Geistes.“ Arbeiten in einem Waldorfkindergarten ist eine Freie Tat.

ABENDGLOCKENGEBET

Das Schöne bewundern,
Das Wahre behüten,
Das Edle verehren,
Das Gute beschließen:
Es führet den Menschen
Im Leben zu Zielen,
Im Handeln zum Rechten,
Im Fühlen zum Frieden,
Im Denken zum Lichte;
Und lehrt ihn vertrauen
Auf göttliches Walten
In allem, was ist:
Im Weltenall,
Im Seelengrund.
Rudolf Steiner

Aleksa Muszer